Donnerstag, 23. August 2012

Handarbeit - traditionell bis subversiv

handgesponnene Wolle im Museum Himmelsberga auf Öland


Als ältestes Kleidungsstück gilt der lederne Schurz oder Fellschurz, der von Frauen und Männern getragen wurde. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich bedenke, was sich in den Jahrtausenden auf dem Bekleidungssektor getan hat. Ich kann kaum glauben, dass den Herstellerinnen der Schürzen während der langen Abende ums Feuer nicht auch eingefallen ist, ein paar modische Details einzuarbeiten. Schade, dass sich das nicht mehr nachprüfen lässt.

Nach dem Tierfell kam die Bekleidung aus Schafwolle, Ziegen- und Kamelhaar. Später wurde auch Leinen benutzt, das damals schon teuer war und erst im 16. Jahrhundert etwas im Preis sank, nachdem die Seide in Asien aufkam und in Europa verbreitet wurde.
Die Erfindung der Seide wird übrigens der Frau eines chinesischen Kaisers zugeschrieben, die 2640 v. Chr. lebte. Der Sage nach brachten zwei Mönche erst 550 n. Chr. die Eier von Seidenspinnern in zwei hohlen Stöcken nach Konstantinopel.

Gesponnen wurde schon in vorgeschichtlicher Zeit. Mit Spindeln und Wolle. 1530 wurde das erste Spinnrad erfunden. "Den Faden verlieren..." sagt man, wenn man zu ausschweifend redet und einem nicht mehr einfällt, auf was man hinauswollte. Wer spinnt, weiß, dass man gelegentlich den Faden verliert und dass es jedes Mal ein bisschen ärgerlich ist. Nett, dass sich ein Ausdruck beim Spinnen bis in die heutige Zeit retten konnte.

 Museum Himmelsberga auf Öland

Das Weben entstand aus dem Flechten und ist eine ebenso alte textile Technik. Der altgermanische Webstuhl war übrigens schon in der Frühzeit ein hoch entwickeltes Gerät.

Wann das Nähen aufkam, lässt sich nicht sicher bestimmen, was mich wundert. Man musste doch die gewebten, gestrickten oder gefilzten Stücke zumindest zusammengenäht haben, um ein Kleidungsstück herstellen zu können. Die ersten Nähnadeln aus Fischgräten oder Knochen sind auf jeden Fall älter als 2500 Jahre. Die ersten Nadeln aus Metall wurden von einem Drahtzieher 1410 in Paris hergestellt (mit der Hand gehämmert) und waren so teuer, dass sie nur für adlige Frauen erschwinglich waren. Erst ab 1840 wurden die Nähnadeln maschinell hergestellt.
Bis vor 150 Jahren wurden alle Kleider und Wäschestücke mit ihren langen Nähten noch von Hand genäht!
Die erste brauchbare Nähmaschine wurde Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden.

Stricken ist eine der ältesten textilen Techniken - gestrickte Strümpfe fanden sich in einigen Moorgräbern. Die älteste bildliche Darstellung stammt aus dem 1400 Jahrhundert auf dem Buxtehuder Altar, der eine Muttergottes zeigt, die ein Kittelchen strickt. Und im "Frauenzimmer-Lexikon" von 1739 heisst es: Stricken ist eine Wissenschaft. (Was zumindest auf Aran-Muster zutrifft.) Die erste Strickmaschine erfand ein Amerikaner 1866. Jetzt war es aus mit dem gemütlichen Sockenstricken! Mit der neuen Maschine konnte eine Arbeiterin zehn Paar lange Frauenstrümpfe oder zwanzig Paar Männersocken am Tag fertigen. Den finanziellen Gewinn strich natürlich der Besitzer der Maschine ein und nicht die Arbeiterinnen, für die es nur stressiger wurde. Bei fast allen textilen Techniken vollzog sich durch die Industrialisierung selbstverständlich ein großer Wandel und das traditionelle Handarbeiten wurde bis auf einige Ausnahmen zur unbezahlten Beschäftigung. 

Häkeln war weniger populär, aber zumindest schon den Kopten bekannt. Danach schweigt die Häkelnadel sich durch die Geschichte und taucht erst wieder am Ausgang des Mittelalters auf und zwar in Form von Spitzenborten an Leinenwaren.
Bemerkenswert ist, dass im 18. und 19. Jahrhundert kunstvolle irische Häkelspitze aus feinstem Garn Ehre und Ruhm einheimste. Sie wurde von Fischersfrauen hergestellt und war vor allem 1846 nach der großen Hungersnot eine gute Einnahmequelle.

Der perfekte Plattstich kam aus China, wo schon seit über 4000 Jahren gestickt wird. Geschichtsschreiber berichten, dass die Frauen von Sidon gute Stickerinnen seien und dass auch den Römern und Griechen diese Kunst nicht unbekannt war. Im Mittelalter wurde vor allem in den Nonnenklöstern gestickt, aber auch auf Ritterburgen und an Fürstenhöfen verzierten (meist) Frauen Bekleidung und Wohnraum mit Stickereien. Die erste brauchbare Stickmaschine wurde 1866 erfunden.

Wie sich die Kunst des Klöppelns entwickelt hat, ist nicht bekannt, nur, dass man sie zum Ende des 15. Jahrhunderts in Italien und den Niederlanden ausübte und dass seit 1800 das Klöppeln von Spitzen zur erwerbsmäßigen Beschäftigung der Bäuerinnen in Russland gehörte. In Schweden wurde geklöppelt, was das Zeug hält und in Second Hand-Läden findet man Klöppelgarn und -kissen und sehr viele Spitzenborten.

gehäkelte und geklöppelte Spitze aus meinem Schatzkästchen

Stopfen und Flicken sind bestimmt genauso alt wie das Handarbeiten und kommt immer mehr aus der Mode. In der Zeit, die man braucht, um ein Paar Socken sorgfältig zu stopfen, kann man seinem Erwerb nachgehen und sich für das Geld neue (billige) Socken kaufen.

All diese Künste wurden vorwiegend von Frauen ausgeübt. In den Mythologien der alten Griechen waren es die Göttinnen Pallas Athene und Ifis, die das Spinnen und Weben erfunden haben. Bei Homer (450 v. Chr.) führten die Göttinnen Spindel und Nadel und schufen "unsterbliche Arbeit". Nachweislich waren Ägypterinnen, Chinesinnen, Hebräerinnen und Jüdinnen Weberinnen, Strickerinnen und Näherinnen für den eigenen Haushalt und als erwerbsmäßiges Gewerbe. Die Kleinasiatinnen standen nicht nach - als man Andromache die Nachricht vom Tod ihres Gatten Hektor brachte, bestickte sie gerade ein Gewand.
Auch die Töchter und Enkelinnen des römischen Kaisers Augustinus spannen und webten ebenso wie die Mädchen der ersten Christen. Bei den alten Germanen war die Herstellung von Kleidung Frauenarbeit. Kaiser Karl verordnete 813 v. Chr.: "Unsere Frauen, welche bei unserer Beschäftigung unsere Dienerinnen sind, haben Wolle und Spinnen und die Anfertigung der Jacken und Röcke zu besorgen." (Unsere Frauen, die Dienerinnen! - auf diesem Sektor hat sich zum Glück auch einiges getan.)
Um das Jahr 1000 spann, strickte und nähte man in ganz Europa, wie deutsche und nordische Sagen belegen. Das Nibelungenlied und die Frithjofsage nennen als Symbole der Frauen Spindel und Schlüsselbund. Ausserdem gab es im späten Mittelalter in den Städten Spinnstuben.
Männer betrieben auch all diese Handarbeiten, bildeten aber eher die Ausnahme. Sie wurden beim erwerbsmäßigen Handarbeiten jedoch deutlich besser bezahlt.

Alles in allem kann man sagen, dass viele Jahrhunderte lang Frauen aus allen Schichten und jeden Alters aus den verschiedensten Gründen handarbeiteten - meistens, um Geld zu verdienen, viel seltener zum künstlerischen Zeitvertreib. Wie gesagt, muss man mit der Industrialisierung einen klaren Strich ziehen. Im Schloss in Kalmar war vor Jahren eine Ausstellung über das früher dort untergebrachte Gefängnis. Die Frauen mussten zur Strafe spinnen und ihre Haare wurden mit einem Strick über dem Kopf zusammengebunden, während das andere Ende des Stricks am Deckenbalken befestigt wurde, damit sie während des Spinnens aufrecht saßen. Sehr gemein - vor allem, weil die meisten Frauen verurteilt wurden, weil sie aus Armut kleine Diebstähle auf dem Markt begangen hatten.


Das Handarbeiten war lange Zeit mit der Geschlechteridentität verbunden. Weibliche Sozialisation? Schiller und Goethe lobten die fleißigen handarbeitenden Frauen und Mädchen und bezeichneten sie als tugendhaft. Was sagt so eine Handarbeit aus? Langes Fädchen, faules Mädchen... Hängen die Fäden heraus? Wie sieht eine Stickerei von hinten aus? In einem modernen Stickbuch aus den USA stand: Vernähe die Fäden sorgfältig, ein Knoten macht die ganze Arbeit schlampig! Heisst das: "Man" ist schlampig, wenn man knotet?
Eine gute Handarbeit braucht ein hohes Maß an Geduld, Ausdauer, Präzision, Gleichmäßigkeit in der Ausführung. Sind das die Fähigkeiten, die Männer damals an den Frauen schätzten? Schätzen sie sie heute noch? Geduld und Ausdauer - ganz bestimmt :-D
Früher rahmte man die Handarbeiten der heiratsfähigen Töchter ein und hängte sie an eine gut sichtbare Stelle, damit potentielle Schwiegersöhne nicht nur die Töchter, sondern auch ihr Geschick begutachten konnten. Bei der damaligen Rollenverteilung war es in finanzieller Hinsicht sicherlich fatal, wenn eine Frau schlampig und unachtsam den Haushalt führte.

Eine Zeitlang sah es so aus, als würden die Frauen mit dem Handarbeiten aufhören - was vielleicht damit zu tun hat, dass immer weniger Frauen heiraten wollen... haha! Sicherlich eher damit, dass das Handarbeiten zu einem teueren Hobby wurde, das sich die meisten Frauen nicht mehr leisten können. Früher strickten die Frauen, um Geld zu sparen; heute ist ein selbst gestrickter Pullover Luxus. Schon in den sechziger Jahren konnte man für das Geld, das die Wolle für einen Pullover kostete, drei billige kaufen.

Seit einer ganzen Weile greifen Frauen (und Männer) aber wieder zu Nadeln und Faden und nutzen textile Techniken um auf ihre bissigen Botschaften, oft politisch motiviert, in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Guerilla-Knitting, Yarn-Bombing, Craftvism, Subversive Stitching, Revolutionary Knitting... Mir hat gefallen, als der Stier vor der Börse in der Wall Street umhäkelt war - in glaube, in rosa. Mir gefällt auch das "radikale Nähkränzchen" von Christine Pavlic und drei weiteren Künstlerinnen - künstlerische Auseinandersetzung mit vorherrschenden gesellschaftsimplizierten Gewaltverhältnissen, distanziert von männlich dominierten politischen Gruppierungen. Ich erinnere mich, dass die Themen bei den Strickkränzchen meiner Mutter in den sechziger Jahren ein bisschen anders, aber ebenfalls spannend waren und viel feministischer und politischer als manch einer denken würde.


traditionelles Strickkränzchen (mit meiner Mutter)


Hier sind die Second Hand-Läden (noch) voll mit alten handgewebten Leinenstoffen, Stickereien, geklöppelten und gehäkelten Spitzenborten. Obwohl so viel Zeit und "weibliche Tugenden" in den Sachen stecken, scheint sie kaum jemand haben zu wollen. Dabei sind sie tatsächlich schön anzusehen und sehr gut verarbeitet. Es sind mit aller Sorgfalt ausgeführte Handarbeiten, die heute - selbst bei einem niedrigen Stundenlohn - unbezahlbar wären.





Man kann sich gern fragen, wozu man sich irgendwelche gestickten Deckchen auf die Kommode legen sollte, die einem in der heutigen hektischen Zeit nur beim Staubwischen aufhalten. Oder was tun mit diesen gehäkelten Spitzendeckchen, wenn man keine Blumentopfuntersetzer mag? Manches braucht einfach eine neue Bestimmung! Bestickte Deckchen machen sich sehr gut an der Wand über dem Bett und neulich habe ich gesehen, dass eine Künstlerin Dutzende dieser gehäkelten Deckchen gesammelt und gestärkt hat, um sie an feinen Nylonfäden von der Decke einer Kunsthalle baumeln zu lassen, wo sie aussahen wir große Schneekristalle.

Die Idee, alte Handarbeiten aufleben zu lassen, scheint mir sehr verlockend und eine Alternative für alle, die gern handarbeiten möchten, sich die teueren Garne und Stoffe aber nicht leisten können oder wollen.

Ich sammle jedenfalls schon mal - in der Hoffnung, der Geistesblitz lässt nicht allzu lange auf sich warten! Bis dahin stricke ich gerade ein weiteres Dreieckstuch für den kommenden Winter. Also:

knit fast - die warm!









1 Kommentar:

Mark Graf hat gesagt…

Gut geschrieben - sehr interessant. Der Strickkreis mit deiner Mutter gefällt mir besonders!