Dienstag, 28. August 2012

Vom Herbst und Stricken, von Pilzen und Jung




Der Herbst ist da! Nachdem man monatelang vergessen hat, wie Frieren sich eigentlich anfühlt, schleicht es sich morgens nach dem Aufstehen wieder ins Bewusstsein. Ich friere lieber ein bisschen als zu schwitzen. Dem Schwitzen ist viel schwerer zu entkommen, während es gegen das Frieren Wolle gibt.
Ich kann mich noch genau erinnern, als ich sechsjährig auf unserer Küchenbank saß und mich mit zwei Stricknadeln und einem Wollfaden abmühte, um aus einem unnützen wirren Chaos aus Fasern etwas Nützliches, Wärmendes aus rechten Maschen herzustellen. "Jetzt!" rief meine Mutter irgendwann plötzlich, "jetzt hast du's!"
Ich hab's jetzt seit achtundvierzig Jahren und fast genauso lang frage ich mich, warum ich - kaum liegt ein Hauch von Kälte in der Luft - unter einem schwer beherrschbaren Zwang stehe, für Alle Pullover, Decken, Jacken, Mützen, Schals, Socken und Handschuhe zu stricken. Es ist eigentlich schrecklich!

Und noch seltsamer ist eine kleine Geschichte, die mir eine Wollladeninhaberin in Berlin erzählte. Sie erwischte eine Frau, die sich heimlich ein Wollknäuel in die Jacke steckte. Da die Wolldiebin das Knäuel partout nicht wieder herausrücken wollte, rief die Besitzerin schließlich die Polizei, die später in der Wohnung der Frau Unmengen von Wolle fand - unter dem Bett, in den Regalen und Schränken - so viel Wolle, dass die Frau sie zu ihren Lebzeiten niemals hätte verstricken können - und alles geklaut.

Wenn man "Wollsucht" googelt, kriegt man 43.400 Treffer! Ich glaube nicht, dass es sich um eine Sucht handelt, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Carl Gustav Jung hat da eine interessante Theorie. Er sagt:

"Das kollektive Unbewußte ist ein Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewußten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewußte wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewußt waren, aus dem Bewußtsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewußten nie im persönlichen Bewußtsein und wurden somit nie individuell erworben, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich der Vererbung."

Na bitte! Es ist nicht meine Schuld, dass ich so schwer an einem Wollladen vorbeikomme ohne reinzugehen, um stundenlang in vollkommener Verzückung Wollknäule zu betasten und schließlich auch einige zu kaufen, egal, wie sehr das schlechte Gewissen nagen mag. Das kollektive Unbewusste ist einfach stärker! Wie wir ja jetzt wissen, waren die Frauen jahrtausendelang für die Herstellung der Kleidung zuständig und erst seit relativ kurzer Zeit kann man Polyesterpullover aus China kaufen. Ich stecke mit vielen anderen Frauen in der nur sehr langsam vorankommenden Evolution fest und lasse mich von diesem total veralteten kollektiven Unbewussten zum Narren halten. Das ist ganz ähnlich wie bei manchen Männern, die gar keine Kinder wollen und trotzdem unentwegt "gebärfreudigen Becken" von superjungen Frauen nachgucken müssen, obwohl sie - immerhin angeblich - lebenserfahrene Frauen, die auch keine Kinder mehr wollen, viel spannender finden. Fragt man sie nach einer Logik, kommt wie aus der Pistole geschossen die Antwort: "Das ist normal, ich bin ein Mann!"

Die große Frage ist jetzt: Soll ich von diesen leicht ulkigen Männern lernen und einfach sagen: "Wir müssen den Rest des Monats leider Pellkartoffeln essen, weil ich das Haushaltsgeld für Wolle ausgegeben habe, um für alle Höhlenmitbewohner Winterbekleidung zu stricken."? An dieser Stelle kommt dann natürlich die nicht ganz unberechtigte Frage: "Welche Höhlenmitbewohner, bitte???" Ich würde sehr selbstbewusst - und mit einem zugegeben mir selbst dubiosen Stolz antworten: "Ich bin eine Frau, das ist ganz normal!"
Oder soll ich lieber mit gutem Beispiel vorangehen, den Verstand einschalten und mit einem Mantra ("ein Leben ohne Wolle ist schließlich auch ganz nett") auf den Lippen am Wollladen vorbeigehen?

Das muss ich unbedingt noch herausfinden - möglichst vor dem nächsten Winter - hahaha! Bitte die Sache mit Jung und der Wolle nicht so ernst nehmen... 

Pflanzengefärbte Wolle


Zurück zum Herbst und hinein in den Wald, wo jetzt zu meiner Begeisterung die Pilze aus dem Boden schießen. Das Wort Pilz kommt übrigens aus dem Althochdeutschen buliz, während die botanische Bezeichnung fungi ursprünglich Schwämme bezeichnet.

Pilze sind wegen ihrer schönen Farben ziemlich fotogen und ich möchte bei dieser Gelegenheit gern die Fotos meiner Lieblingsexemplare teilen:


Pilze gab es vermutlich schon vor 900 bis 1200 Millionen Jahren! Sie zählen weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen. 


Den Pilz (oben) habe ich ein Mal und nie wieder gesehen... auch nicht in einem Buch oder im Internet. Falls jemand ihn bestimmen kann, bitte ich um eine Nachricht!


Der größte bekannte Pilz - gleichzeitig das größte bekannte Lebewesen der Welt - lebt in Oregon. Ein Hallimasch, der sich über 88 Hektar ausdehnt.



Der Pilz mit dem größten Fruchtkörper wurde 2010 in China entdeckt. Er ist 10,85 Meter lang und 82-88 cm breit, 20 Jahre alt und wiegt 400-500 kg.










Dieser orangefarbene Pilz ist mein Favorit. Falls ich jemals second hand genug Nähgarn von dieser Farbe finde, sticke ich ihn nach!


Leider kann ich nicht den ganzen Tag im Wald sitzen und mir die Pilze ansehen, aber beim Durchforsten meiner langsam mager werdenden Wollsammlung (ja, ich bin vernünftig und zeige der hinkenden Evolution die lange Nase!) fand ich die Farben wieder, die mir so gut im Herbstwald gefallen. Zum Teil ist es pflanzengefärbte Wolle, zum Teil Wolle aus dem Ullzentrum auf Öland. Sie ist hauchdünn und es wird superlange dauern, eine große Decke daraus zu stricken. Aber irgendwann kann man unter ihr liegen und dabei gemütlich dem wilden Schneetreiben über einer verschneiten Winterlandschaft zusehen, um sich gelegentlich an den Herbstfarben zu erfreuen und sich an die schöne Zeit der Ernte erinnern. Hoffentlich finden alle Höhlenmitbewohner darunter Platz!!!






1 Kommentar:

Mark Graf hat gesagt…

Die Pilzphotos sind super! Auch deine Erklärung der Wollsucht. Du schreibst echt gut!