Dienstag, 14. August 2012

Warum eigentlich Beutel?





Vorige Woche fragte mich eine etwas entferntere Nachbarin, was ich so mache? "Ich nähe Beutel", antwortete ich vielleicht ein bisschen zu enthusiastisch.
"Jaså!" Ein schiefer Seitenblick und verlegenes Schweigen. "Und warum?" fragte sie nach der großen Stille.
Mit dieser Frage hatte ich gar nicht gerechnet - mir verschlug es direkt die Sprache und unser Gespräch wurde dadurch richtig småländisch - geprägt von Skepsis und Staunen.
"Man kann irgendwas in die Beutel tun", meinte ich nach einer Weile.
Schweigen.
"Ja, aber was denn?"
Schweigen.
"Schuhputzzeug zum Beispiel. Geld, Nähzeug, Muscheln. Süssigkeiten. Strickzeug vielleicht. Schminke! Schmuck. Ja, für Schmuck eignen sich Beutel ganz besonders gut!" Zur Bekräftigung nickte ich ein paar Mal eifrig mit dem Kopf.
Fliegen etwa nur in meinem Haushalt Kleinigkeiten in der Gegend herum, für die sich nie ein gescheiter Platz findet? Batterien zum Beispiel, die man nicht einzeln zur Recycling-Station bringt und die man - bzw. ich - gut sichtbar platziert, damit man sie nicht schon wieder vergisst wegzubringen. Wenn man einen Hund hat, kann man Hundekekse in den Beutel tun, anstatt sie vor dem Spaziergang in die Hosentasche zu stecken, wo sie lästige Krümel hinterlassen. Und nicht zu vergessen: Beutel für Haarsprangen und Haargummis für Familien mit pubertierenden Töchtern!
Schweigen...
Endlich: "Jaha!" Pause. "Manchmal bekomme ich Ansichtskarten und die hebe ich alle in einer Schublade auf."
"Aha!"
"Die könnte ich vielleicht in so einen Beutel tun." sagte die Nachbarin schließlich vorsichtig wohlmeinend.
"Ja", sagte ich meine Skepsis nicht ganz verbergen könnend, "das könntest du wohl tun."

Sechs meiner Beutel liegen im Touristenbüro - oh Schreck, sie werden vermutlich zu Ladenhütern verkommen, weil die Schweden das perfekte Ablagesystem für alles haben!

Das Touristenbüro und die öffentliche Bibliothek sind im gleichen Lokal untergebracht und als ich mir gestern ein Buch aussuchte, beobachtete ich unauffällig eine deutsche Familie, die bei den Souvenirs stand. Sie wollten partout etwas aus dem Riesenangebot mit Elch: Elchmützen und Elch-T-Shirts, Elchansichtskarten, Elchschlüsselanhänger, Elchsocken, Plüschelche, Elchtassen und Elchteller, Elchthermometer und so weiter und so fort. Made in China. Nur die langsam ungeduldig werdende Oma warf einen ganz superkurzen Blick auf meine Beutel und humpelte verdrossen weiter.
Würde ich mir einen bestickten Beutel als Urlaubserinnerung kaufen?, fragte ich mich selbstkritisch. JA KLAR! Beutel sind wirklich so was von total praktisch! Auch für Nylonstrumpfhosen und vor allem für Kabel, wenn man verreist. Da hat man dann nämlich sein Mobiltelefonkabel samt Kopfhörer, das Übertragungskabel für den Fotoapparat, das iPod-Kabel, das Notebookkabel und das Kabel für den eBook-Reader immer schön beieinander! Man kann das alles natürlich auch in eine Plastiktüte tun, die man erneuert, wenn ein Stecker sie zerlöchert. Ein handbestickter Stoffbeutel hält aber mehrere Generationen und gewinnt im Laufe der Jahrhunderte vielleicht sogar an Wert und somit ist er unter Umständen eine gute Investition zugunsten der Urenkel. Von Umweltfreundlichkeit will ich hier gar nicht erst anfangen.



Natürlich läge es auf der Hand, Beutel mit Elchen zu besticken, aber ich weigere mich als gut integriertes Mitglied der schwedischen Gesellschaft. Elche hängen uns ein bisschen zum Hals raus!

In Schweden werden übrigens jedes Jahr hunderte "Achtung-Elch"-Verkehrsschilder gestohlen. Ein Elchschild kostet ca. 400 Euro und das unerlaubte Abmontieren ist unter Gefängnisstrafe verboten.




Der Stoffbeutel als Informationsträger:

Nicht jeder möchte mehr oder weniger freiwillig zum Reklameträger für einen Supermarkt oder eine Kleidermarke werden. Einmal brachte ein Freund meines Sohnes eine Plastiktüte aus der Türkei mit. In großen Buchstaben stand "KOZMETIK" drauf. Ich gebe zu, dass ich einigermaßen begeistert war. Es mag natürlich auch nicht jeder Blümchen auf einem Stoffbeutel. Aber wenn man überhaupt etwas mag, kann man zumindest versuchen, es auf einen Stoffbeutel zu transportieren. Ein Zitat des Lieblingsschriftstellers oder eine politische oder philosophische Nachricht. Musiknoten oder natürlich Bilder von technischen Gräten, Tieren oder Menschen, Landschaften...

Was soll ich noch sagen? Ich finde, individuell gestaltete Stoffbeutel sind ziemlich praktisch und ein bisschen in der Lage, das Leben zu bereichern.







Kommentare:

Mark Graf hat gesagt…

Eine Idee: Drucke doch kleine Kärtchen aus die du an den Beuteln anhängst mit irgendeiner Bio von dir selbst und auf der anderen Seite Gedankenanstösse zu was man sie alles brauchen könnte. Und das auf Schwedisch, Deutsch und Englisch. Auf schönes Kartonpapier mit einem Rahmen rundrum gedruckt. Und dann eventuell in einen klaren Plastikbeutel tun, obwohl das ja gegen deine geschriebene Philosophie gehen würde, aber Konsumenten sind so.
Ich hatte gar nicht gewusst das du sie zum Verkauf aus gestellt hast...
Jedenfalls finde ich die Beutel ganz super. Den, den du für mich gemacht hattest ist so toll!
Und dann gibt's ja immer noch Etsy.com...

Mark Graf hat gesagt…

Oder vielleicht gar was reintun, wie du für meine Eltern gemacht hast. Schuhputzzeugs, oder Zahnbürste mit Zahnpasta und Seide oder wasweissich... Das die keinen reissenden Absatz machen, erstaunt mich!

Mark Graf hat gesagt…

Haha - "Technische Gräte"...
Uebrigens freue ich mich auf den LHC Beutel zu sehen!

Maria in Gillberga hat gesagt…

Mark, natürlich hängt an jedem Beutel ein kleines, wunderschönes Kärtchen mit Beschriftung in Englisch. Neeee zum Plastikbeutel. Die Beutel liegen in einer Vitrine, das reicht. Ursprünglich wollte ich die Beutel befüllen und mir ist auch viel eingefallen, aber ehrlich gesagt: zu teuer! Du, auf einen LHC-Beutel kannst du lange warten, du hattest ein LHC-Wandbild bestellt :-) Vielen Dank für die Anregungen!!!