Sonntag, 2. September 2012

Kartoffelknödelwochenende und bestickte Wandbehänge




Das Kartoffelknödelwochenende in einem kleinen Dorf bei Fagerhult ist eine der vielen Attraktionen in Småland und hat Tradition. An jedem ersten Wochenende im September werden seit ca. hundert Jahren Kartoffeln geschält, geraspelt, gekocht, zu Knödeln gerollt und mit Fleisch und Zwiebeln gefüllt. 2009 wurden 250 kg Kartoffeln von drei tüchtigen Frauen verarbeitet. Die gefüllten Kartoffelknödel werden mit Sahne, geschmolzener Butter und Preiselbeeren serviert. Also nichts wie hin! Natürlich ohne Frühstück und vor zwölf Uhr, denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst - es bleiben nie welche übrig und die späten Besucher gehen leer aus.



 Die Knödel werden im Schulmuseum in Skälsbäck ausgeteilt - oder eigentlich in einem dazugehörenden Haus neben dem Museum. Die Schule war von 1883 bis 1958 in Betrieb und musste wie viele andere Schulen bis heute wegen der sinkenden Anzahl der Schülerinnen und Schüler geschlossen werden.
Jetzt herrscht jedoch reger Andrang. Ich sag lieber gleich, dass ich total vergessen habe, die Knödel zu fotografieren, weil ich erstens zu hungrig war und ausserdem damit beschäftigt, andere interessante Sachen aufs Korn zu nehmen. Die geschmolzene Butter, den Sahnekrug und die Preiselbeermarmelade zum Beispiel:

Mit der Lupe kann man vielleicht ein paar Knödel auf dem Teller dieser Besucherin sehen - haha!
Die Knödel waren jedenfalls ganz prima und sehr sättigend.

In Schweden ist die Kartoffel von allen Gemüsearten die beliebteste und eines der Hauptnahrungsmittel. Småländische Kartoffelknödel sind sowohl aus rohen, geraspelten als auch aus gekochten Kartoffeln gemacht. In den Öländischen Knödeln ist der Anteil der rohen Kartoffeln höher, was sie grau aussehen lässt.



Hier ein schwedisches Kartoffelknödelrezept, das gar keine rohen Kartoffeln enthält.

1 kg Kartoffeln, möglichst schon am Vorabend waschen und in der Schale kochen, 60 g Kartoffelmehl, 20 g Mehl, 1 Ei, 1 Eigelb, Salz, Pfeffer, 1 Prise Muskat.
Für die Füllung: 120 g geräucherter Speck, 1 große Zwiebel, 100 g Pfifferlinge (andere Pilze gehen auch), 1 Eßl. Öl, Petersilie, Salz und Pfeffer. Butter zum Übergießen und Preiselbeermarmelade.
Die gepellten Kartoffeln durchpressen, Kartoffelmehl, Mehl, Ei und Eigelb, Gewürze zugeben und verkneten.
Füllung: Speck, Zwiebeln und Pilze in Würfelchen schneiden und in dem erhitzten Öl dünsten, dann die gehackte Petersilie zugeben und mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Aus der Kartoffelmasse eine Rolle formen und diese in 12 gleichmäßige Teile schneiden. Jeweils ein bisschen Füllung zum Teig geben und zu einem Kloß formen. Salzwasser aufkochen und die Knödel vorsichtig mit einem Schaumlöffel 10-12 Minuten in siedendes Wasser geben. Vorsichtig herausnehmen und mit der geschmolzenen Butter übergießen.

Soviel zu den Knödeln! Es stellte sich heraus, dass sie nur ein Teil des Vergnügens waren, denn im Schulgebäude gab es eine Ausstellung:

Willkommen zum Skälsbäcks Kartoffelknödelwochenende.
Im Schulmuseum zeigt Anita Tildemyr aus Gamleby ihre Sammlung bestickter Wandbehänge. Anita ist da und hat viel zu erzählen.


Ach so, bevor es zur Ausstellung geht, muss ich schnell noch eine Sache loswerden: Hinter dem Schulgebäude stand ein einsamer Tisch mit einigen Gläsern Honig und einer Geldkassette, samt einem Zettel mit der Mitteilung, dass man 50 kr in die Kassette legen soll, wenn man ein Glas Honig mitnehmen möchte. So viel Vertrauen findet sich in Schweden oft und das gefällt mir sehr.
Jetzt aber zur Ausstellung.




Anitas Sammlung ist, wie man sieht, mit 300 Teilen ziemlich umfangreich und beinhaltet eine prima Übersicht von grausig Kitschigem bis Kunsthandwerklichem. Die meisten Wandbehänge hat sie für sehr kleine Beträge auf Auktionen oder Flohmärkten erstanden, einige wurden ihr für die Sammlung geschenkt. Einige hat sie selbst bestickt - ihren ersten mit einem Weihnachtsmotiv im Alter von dreizehn Jahren. Und viel zu erzählen hat sie in der Tat:
Früher, so berichtete sie, hätte man die Wände von Schlössern, Herrenhäusern und Burgen zur Dekoration und Isolation mit großen Teppichen behängt, später mit kleineren Teppichen, die nur noch zur Ausschmückung dienten. Erst viel später seien diese kleinen volkstümlichen Wandbehänge in jeden Haushalt gekommen. Ihre Exponate wären das Überbleibsel davon und das, was die "kleinen Leute" sich eben hätten leisten können. Zumeist wurde mit Perlgarn auf Leinen oder Baumwolle gestickt - den noch guten Stücken zerschlissener Laken oder Kissenbezüge. Seltener sind mit Wollgarn bestickte  Wolltücher.
Die Wandbehänge wurden nur zu Hochzeiten oder anderen Festen (vor allem zu Weihnachten) hervorgeholt, weil man befürchtete, dass sie unter den Aschepartikeln in der Luft leiden würden - schließlich wurden die Räume mit Holzfeuern in offenen Kaminen beheizt und es wurde ganzjährig auf dem Feuer gekocht. Dass das viel Dreck macht, weiss ich mittlerweile aus eigener Erfahrung... So ein Wandbehang braucht nach einem Winter keine Wand mehr, er steht von selbst...

Auch lange vor der Ära der bestickten Tücher schmückten die Bauern Schwedens ihre Wände. Sie bemalten sie, wie das folgende Foto einer Wohnstube (ca. 1850) im Freiluftmuseum Himmelsberga auf Öland zeigt:


Diese kleinen Wandbehänge, die auf schwedisch übrigens "väggbonad" heißen, kamen erst mit den Bestellkatalogen in Mode. Meistens war es nur eine einzige Frau im Dorf, die ein Muster bestellte, und die anderen Frauen kopierten es oder ließen sich von diesem und jenem Muster inspirieren. Die Behänge wurden immer mit Texten aus der Bibel, dem Psalmbuch oder mit einem Sprichwort bestickt, aber auch mit romantischen Landschaftsbetrachtungen.
Zur Zeit, als das Sticken von Wandbehängen den Höhepunkt erreichte, ersetzten sie oftmals die Öldrucke, die für gewöhnlich an den Wänden hingen. Nach Abflauen der Wandbehang-Mode, fanden sich die meisten Tücher als Putzlappen wieder...


Dieser und der nächste Wandbehang erzählen von der Sehnsucht nach der Landschaft der Kindheit.




Höre den Wind in den Tannen....

Ein Sprichwort - das traue ich mich jetzt nicht zu übersetzen, weil ich mich mit der altmodischen schwedischen Sprache nicht so auskenne. 

Ein Lob aufs Vaterland auf einem ausgedienten Kissenbezug


"Was ist das schönste Wort, das es auf unserer Erde gibt?
Ein Heim!
Ein Heim, wo man sich frei und glücklich fühlen kann."
Anita sagte, dass die jungen Mädchen beim Herstellen ihrer Aussteuer oft von ihrer Zukunft träumten und sie auf den Wandbehängen manchmal ihre Wünsche zum Ausdruck brachten. Der obige Wandbehang ist offensichtlich ein eigener Entwurf und ich finde es toll, dass die zielstrebige Stickerin so detaillierte Vorstellungen vom Mobiliar ihres künftigen Heims hatte und dem Text nach, war sie auch schlau. Der Text unten klingt schon ein bisschen passiver.


"Vertraue auf Gott in jeder Not."

"Mein Heim, mein Glück."
"Wir haben Sonne, wir haben Gesang, den ganzen Sommertag lang!"
Alle Achtung! Und das bei der harten Schufterei auf dem Acker und beim Heuen...











 Und noch ein bisschen Kitsch - autsch!



Also ich muss jetzt ehrlich sagen, dass ich mir nur einen von den dreihundert Wandbehängen in die Stube hängen würde. In den meisten Fällen scheitert es an der Beschriftung. Stünde zum Beispiel auf dem Wandbehang, der nur mit roten Rosen bestickt ist, statt "Mein Heim, mein Glück" so was Nettes wie "Nur wer sich bewegt, spürt seine Ketten" würde ich mich glücklich schätzen, ihn aufhängen zu dürfen.
Ist es so, dass diese Wandbehänge ein Stück Zeitgeist transportieren? Harmonie, Träumerei, Trost aus dem Glauben... und deshalb passen sie nicht mehr in unsere Zeit? Die Aussagen auf den Tüchern klingen abgedroschen, obwohl sie nicht unbedingt falsch sind. "Mein Heim, mein Glück" - natürlich ist ein gemütliches, schönes Zuhause ein Glück, aber das weiß doch sowieso schon jeder, warum es also noch an die Wand hängen? Es klingt halt alles ein bisschen zu spießig. Trotzdem bewundere ich all die Frauen und Mädchen, die die langen schwedischen Winterabende nutzten, um mit viel Geduld und einfachen Mitteln die kahlen Wände zu schmücken und ein bisschen Farbe und Aufmunterung in die Bude zu bringen.
Dass ihre Mühen heute wenig geschätzt sind, ist keinesfalls ein Grund, sich entmutigen zu lassen. Im Prinzip ist Stoff und Garn immer noch haltbarer als Papier oder moderne Datenträger und diese beschrifteten Tücher sind eigentlich eine ganz prima Gelegenheit, der Nachwelt eine wichtige oder gar revolutionäre Nachricht zu übermitteln! Wenn man sich ganz viel Mühe beim Blümchen- und Verzierungensticken gibt, traut sich später vielleicht auch niemand, sie als Putzlappen zu benutzen!


Mein Favorit der Ausstellung:


Oh, ich liebe meine Freundinnen auch - und wie!





Kommentare:

Mark Graf hat gesagt…

Da wäre ich jetzt gerne auch mitgekommen!!!

Mark Graf hat gesagt…

Und tortz schon gegessen zu haben, habe ich schon wieder hunger!!! Ich liiiiiieeebe Kartofellkösse!!!