Freitag, 28. Dezember 2012

Sei kreativ! und posttraumatischer Stress

Be creative!, hatte Michael, der PTS-Berater in Seattle gesagt, kurz nachdem ich einen geliebten Freund bei einem Unfall, den ich miterlebt habe, verlor.
Gerade in der super schwierigen Lebensphase, wo man mich mit hunderttausend Dollar in den Pacific Fabric Store hätte stellen können, ohne dass ich vor Begeisterung ausgeflippt wäre, kreativ sein? Zu zittrig zum Stricken und erst recht zum Sticken.
Write!, sagte Michael. Bestimmt wäre es gut gewesen, aber es hat nicht funktioniert: wie wenn einem jemand ein Tintenfass ohne Pinsel oder Füller in die Hand gibt. Schade, jetzt würde ich gern noch mal nachlesen, wie es mir vor zwei Monaten gegangen ist.
Ich gehe nie ohne Kamera aus dem Haus und fotografiere sehr gern, aber zu dieser Zeit war mir kaum bewusst, dass ich überhaupt eine Kamera habe. Und wenn es mir eingefallen ist, wurden die Fotos schlecht.


Und doch bin ich froh, dass ich einige Momente einfangen konnte, um mich jetzt besser zu erinnern.

Unser Gehirn spielt leicht verrückt, wenn wir einen Schock bekommen und schüttet Adrenalin aus. Fight or flight! Schon öfter bin ich auf den Punkt gekommen, dass wir der Evolution schwer hinterherhinken. Bei Gefahr kämpfen oder fliehen! Im Krieg ist das vielleicht noch irgendwie praktisch, aber ich fürchte, auch da nicht. Tatsächlich neigen Männer eher zum Kämpfen, während Frauen lieber rennen, um Schutz zu suchen. Meine Beine jedenfalls rennen bei "Gefahr" ganz von alleine los und sie im Zaum zu halten ist eine Frage von eiserner Beherrschung, die man aber hinterher ausbaden muss, weil man auf dem Adrenalin sitzenbleibt, was sehr unangenehm und auch nicht gesund ist. Jedenfalls müsste sich unser Körper dringend auf die heutige Zeit umstellen und Kraft mobilisieren, die den Verstand schärft und nicht den Rest des Körpers auf einen Langstreckenlauf einstellt, als wäre eine wilde Meute Säbelzahntiger hinter uns her! 
Ich habe gemerkt, dass es zwar sehr schwierig ist, nicht zu fliehen, es aber ungemein hilft, wenn man einen Erste-Hilfe-Kurs belegt hat und ihn gelegentlich auffrischt oder ihn sich wenigstens ab und zu in Erinnerung ruft, damit man in einer Notfallsituation, in der unser Körper auf "peif' auf den Verstand" geschaltet hat, ohne groß nachzudenken bleiben und handeln kann.

Aber zurück zur Kreativität: einen einzigen Satz konnte ich nach einer guten Woche schreiben und auch nur, weil ich noch einen zweiten, etwas leichteren Schock dazubekam und dachte, wenn ich es lese, begreife ich das vielleicht unter Umständen irgendwie. Aber alles in allem haben mir diese Schocks ein bisschen die Sprache verschlagen - was bei PTS so ziemlich das Dümmste ist, das einem passieren kann.
Talk about it!, sagte Michael, das sei das A und O bei PTS; und ich war in der Tat froh, dass er sich die Zeit zum Zuhören genommen hat. Ich gehe immer noch regelmässig zu einer Psychologin und finde das sehr wichtig, weil sie nicht von dem traumatischen Erlebnis betroffen ist. Michaels "talk about it!" hat mir auch ein bisschen Ärger eingebracht. Es gibt immer oder oft Dinge, die unangenehmer Natur sind und während ich nichts davon halte, sie zu tabuisieren, muss man selbstverständlich respektieren, dass andere Menschen das ganz anders sehen. Leider macht das dieses wichtige Reden unmöglich. Schweigen ist zumindest bei PTS nicht Gold, sondern eine vertane Chance.

Mein Gehirn versucht auch seit achtundsiebzig Tagen aus tragischen Ereignissen eine andere, etwas weniger dramatische Geschichte zu machen, aber ich lasse es nicht zu, denn Michael sagt: "Man kann das tun und manchmal muss man, aber es ist nicht gut, weil es dann auf einem anderen Weg zurückkommt - vielleicht erst nach Jahren." Das ist nicht mein erster posttraumatischer Stress und ich weiß sehr gut, was er damit meint. Die Augen zu verschließen, weil man etwas lieber nicht sehen will, scheint mir wenig Sinn zu machen, wenn die Wahrheit bereits im Kopf vorhanden ist. Prinzipiell ist es eine gute Einrichtung, dass wir etwas verdrängen können, um uns selbst zu schützen. Aber besser, scheint mir, wäre es, so stark zu sein, um diesen Schutz nicht allzu oft in Anspruch nehmen zu müssen, weil verdrängen und vergessen leider zwei verschiedene Dinge sind. Ich bin nach wie vor entschlossen auszuhalten und zwar jetzt! Wobei es sich dabei verhält, wie manchmal beim Pulloverstricken, wenn man bis zu den vorletzten Reihen nicht weiß, ob die Wolle wirklich reicht. 

Zurück in Schweden, fing ich am selben Tag an zu schreiben - es war, als hätte man einen Staudamm geöffnet. Eine Überschwemmung, die links und rechts alles mitriss und durcheinanderwirbelte. Gefühlsschwankungen nennt man das - ein sehr harmlos klingendes Wort für Gefühlsachterbahn, Zusammenbruch und wieder aufstehen in endlosen Wiederholungen. Nachdem ich ein bisschen Ordnung in das Chaos bringen konnte, ging's endlich auch mit anderen Dingen und ich habe angefangen Servietten zu sticken. Zuerst PTS-Käfer-Servietten:


bestickte Servietten

Ich liebe Marks Tierzeichnungen und bin traurig, weil er keine Gelegenheit mehr hat, weitere anzufertigen. Wir hatten beim Zeichnen unvergessliche Stunden mit viel Gelächter. Also beschloss ich, die Zeichnungen auf Stoff zu bringen und sie einer gemeinsamen Freundin als Andenken zu schenken.

Zuerst habe ich die Zeichnungen auf Transferpapier gepaust, welches dann auf den Stoff geheftet wurde, um die Umrisse nachzusticken.




Das Ergebnis hat mich ermutigt, mich wieder an die geliebten Beutel zu wagen. Meine Schwester hat ganz fleissig in Berlin auf dem Flohmarkt alte Stoffe mit und ohne Stickerei für mich gesammelt - vielen Dank! -, was natürlich sehr inspirierend war. Die Motive sind aus Karin Holmbergs Buch "Karins broderier".




Der letzte Beutel ist mein Favorit! Die Beutel sind mittlerweile in Kanada bzw. auf Lopez Island gelandet. Ich habe so vielen Menschen zu danken, weil sie mir so fest beigestanden haben und immer noch beistehen.

Und vielleicht wache ich eines morgens auf, ohne Tränen von Frustration, weil die Nacht schon wieder viel zu kurz, der Schlaf zu schlecht und der Alptraum zu unerträglich war.

PTS heisst vor allem: die Gefühle zum Ausdruck bringen, viel Geduld aufbringen, nicht verzweifeln und warten, bis es eines Tages aufhört.


Love xox





Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich werde weiter gestickte Deckchen sammeln,weil so etwas Schönes daraus wird. Und brauchst du neue Perlen?

Maria in Gillberga hat gesagt…

Hab noch ganz viele Perlen :-) danke! Nur Lederband wäre nicht schlecht... Wir könnten doch mal wieder telefonieren, oder nicht?