Dienstag, 25. Dezember 2012

Yarn Bombing Småland & Seattle

Nach einer langen Blog-Pause geht es jetzt weiter und zwar mit

YARN BOMBING oder Guerilla Knitting

Wikipedia sagt: "Guerilla Knitting, auch Urban KnittingRadical StitchingYarn bombing oder gestricktes Graffito, ist eine Form der Streetart, bei der Gegenstände im öffentlichen Raum durch Stricken  verändert werden. Dies kann vom Anbringen von gestrickten Accessoires bis zum Einstricken ganzer Stadtmöbel reichen. Die Knittings können lediglich der Verschönerung dienen oder auch eine symbolische Bedeutung haben, wobei häufig feministische  Aussagen anzutreffen sind."

Im September war ich eine Woche in Berlin und in froher Erwartung endlich jede Menge eingestrickter Stadtmöbel oder Accessoires mit feministischen Botschaften zu sehen. Obwohl es sie ganz sicher in Berlin geben soll, bin ich leider keinem einzigen begegnet und war bitter enttäuscht. Im Übrigen war es ein eher hektischer Aufenthalt, so dass mein eigenes Strickzeug liegen blieb. Dabei wollte ich doch eigentlich kleine schwedische Fähnchen mit Botschaften stricken, um sie um Laternenmasten zu wickeln. Nächstes Mal dann...

Zum Glück gibt es aber auch zuhause in Småland Yarn Bombing - oder Village Knitting? Eine Strickerin in der Kommune Högsby war ganz fleißig und hat die Bushaltestelle in Sinnerbo mit ihrer Arbeit mehr als bereichert! Die Kreuzung sieht jetzt viel besser aus - eine Augenweide! Vielen Dank, dass ich mir das beim Vorbeifahren immer ansehen kann!

Bushaltestelle Sinnerbo

Sehr beeindruckend war auch im letzten Jahr die Ausstellung "Textilsommar 2011" in der Kunsthalle Virserum. Umstrickte Fahrräder habe ich schon öfter gesehen, aber noch keines, bei dem selbst die Speichen bestrickt waren! Leider konnte ich den Namen der Künstlerin nicht herausfinden.


Ebenfalls im Rahmen dieser Ausstellung gab es diese unglaublichen Strickgraffiti von "Stickrabatt Hultsfred" vor der Kunsthalle zu sehen. Man beachte, dass gestrickte "Wasser"tropfen an der Gießkanne sind! Und wie nennt man das? Garden Knitting?



von "Stickrabatt Hultsfred"

Und nicht zuletzt der Laternenmast in Mönsterås vor dem Wollladen "Lillan Skata".



Und jetzt einen Sprung über den "großen Teich" auf die andere Erdhalbkugel nach Seattle, WA.

Yarn Bombing in Seattle

Umstrickte Bäume sehen sehr schön aus, da beißt die Maus keinen Faden ab. Soweit ich sehe konnte, sind diese Baumkleider "nur" maschinengestrickt, aber trotzdem... Guckt mal, liebe Berlinerinnen, wäre das nicht auch was für euere Stadt? Vor dreißig Jahren gab es in Berlin so ziemlich an den meisten Ecken einen Wollladen, der voller stricksüchtiger Frauen war. Wo sind sie alle geblieben? Ich weiß, zu wenig Zeit - geht mir ja auch so... Aber für eine Mütze oder einen Schal mit feministischer Botschaft für eine der vielen Denkmalfiguren braucht man andererseits nicht so viel Zeit...


Occidental Park, Seattle, WA

Wobei wir beim wunden Punkt wären. Prinzipiell ist es großartig und ein Fortschritt, Zeit und Geld dafür zu investieren, nicht mehr nur das eigene Zuhause zu verschönern und in den eigenen vier Wänden für Harmonie zu sorgen, sondern die öffentlichen Räume auf ähnliche Weise zu bereichern. Aber wo bleiben denn die feministischen Botschaften? Sie fehlen hier wie dort. Sollte man die Gelegenheit nicht nutzen und den Passanten auch etwas zum Nachdenken mitgeben? Missstände, die uns Frauen betreffen? (Heute bin ich aber wirklich schwer am meckern - herrje!)

  • jede dritte Frau wird in ihrem Leben einmal vergewaltigt, geschlagen, zum Sex gezwungen oder auf andere Weise misshandelt
  • häusliche Gewalt ist die Hauptursache für den Tod oder die Gesundheitsschädigung bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren und rangiert damit vor Krebs oder Verkehrsunfällen
  • weltweit werden fast 70% der weiblichen Mordopfer von ihren männlichen Partnern ermordet
  • in den USA werden jährlich 700.000 Frauen vergewaltigt oder erleiden anderen Formen von sexueller Gewalt
  • in Peru kam bei einer Studie mit 12- bis 16jährigen schwangeren Mädchen heraus, dass 90% durch eine Vergewaltigung schwanger wurden (in den meisten Fällen handelte es sich um Inzest)
  • weltweit leben heute 130 Millionen Frauen, deren Genitalien verstümmelt worden sind. Jährlich kommen weitere zwei Millionen Frauen dazu
  • in Indien werden schätzungsweise jedes Jahr 15.000 Frauen wegen der Mitgift umgebracht
  • schätzungsweise 4 Millionen Frauen und Mädchen weltweit werden jährlich zum Zweck der Heirat, Prostitution oder Sklaverei verkauft
  • jedes Jahr werden zirka 2 Millionen Mädchen zwischen fünf und fünfzehn Jahren zur Prostitution gezwungen
Zum Teil klingt das alles "weit weg" und nach "geht mich nichts an", aber was ist mit den Frauen in Deutschland, die häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer; in Schweden, das eigentlich sehr frauenfreundlich ist, bekommen Frauen oft auch nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und zumindest in Seattle brüllt den Frauen von jeder Hauswand entgegen: sei schön, sei schlank, sei sexy, sei dünn, bleib jung und krieg keine Falten... Warum behaupten eigentlich viele Frauen in angeblich fortschrittlichen Ländern, Feminismus wäre überflüssig, weil sie längst gleichberechtigt wären, wenn sie so offensichtlich an ihrem Aussehen und Alter gemessen werden und nicht an den Leistungen, die sie erbringen? (Schminken zähle ich jetzt mal nicht zu Leistungen...)

Das Gefährlichste für die Gleichberechtigung ist der Mythos, wir hätten sie schon.
(Ingunn Yssen, ehemalige norwegische Gleichstellungsbeauftragte)


Zur Zeit beschäftigt mich aus mancherlei Gründen die "Sexindustrie" (dieser Ausdruck wird übrigens von der "Sexindustrie" eingefordert, weil das besser klingen soll... besser als was? Es ist so ungefähr dasselbe Ding wie Müll"entsorgung", oder Industrie"park" - ja, netter Versuch!)

Also, wie wäre es zum Beispiel mit einer Message auf einem Baum-Pullover vor einem dieser "zweifelhaften" Etablissements:

"Dass Männer sich den sexuellen Zugang zu Frauen erkaufen können, um ausschließlich ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, widerspricht fundamental der Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind. Es verhindert das Streben nach voller Gleichheit zwischen Frauen und Männern." Kvinnofrid, Enquête-Kommission über Prostitution

An der Stelle ein paar Worte zum schwedischen "kvinnofrid". Birger Jarl führte schon im Jahr 1250 ein Gesetz über Frauenfrieden (kvinnofrid) ein, durch das Vergewaltigungen und Frauenraub schwer bestraft wurden. Den Straftatbestand des "schweren Frauenfriedensbruchs" gibt es in Schweden seit 1999. Der Rechtsbegriff umschreibt im schwedischen Strafrecht die "grobe Verletzung der Integrität der Frau" die von Männern an Frauen begangen werden. Dazu zählt unter anderem auch, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen. "(...) Sex mit einer Prostituierten - also ohne zwischenmenschliche Beziehung - bietet Männern eine Fluchtmöglichkeit: sie entziehen sich der Auseinandersetzung mit der eigenen Unfähigkeit, in Beziehungen nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben" (SOU 1995, S. 3). Während Schweden sich also bemüht, Männern so wenig Gelegenheit wie möglich zu geben, sich dieser durchaus nützlichen und wichtigen Auseinandersetzung zu entziehen, hat Deutschland vor vielen Jahren beschlossen, Prostitution zu legalisieren. Mit dem Erfolg, dass es jetzt "Puff Europas" genannt wird und ca. 200.000 Zwangsprostituierte beherbergt. Jeder dritte Mann in Deutschland besucht regelmäßig ein Bordell, die meisten mit dem Argument, dass das schließlich legal sei. Von den deutschen Flatrate-Bordellen will ich erst gar nicht anfangen... 8,99 Euro für ein Bier, ein Würstchen und eine Frau - wie bitte?

Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." 

Was sagt denn die deutsche Justizministerin dazu? Und übrigens:
  • 92% aller Prostituierten würden gern "aussteigen", wenn sie könnten
  • der alte Hurenrat "schlüpf aus deinem Körper" wird in der Traumaforschung Dissoziation genannt
  • internationale Studien belegen, dass 65-90% der Prostituierten sexualisierte Gewalt in der Kindheit erlitten haben
  • 70% kamen vor ihrem 18. Geburtstag in die Prostitution, weltweit liegt das Durchschnittsalter bei 14 Jahren
  • dass Prostitution verhindert, dass andernorts Gewalt an Frauen ausgeübt wird, ist ein Mythos
In der Zeit, die ich während der letzten Jahre in Seattle verbracht habe, sind mir dort zwangsläufig einige Männer begegnet, die in Strip Clubs gehen wie andere in die Kneipe - "I wanna see Bikinis yeah!" - ach du Schreck! Meine Bemühungen als Einwohnerin Schwedens, diesen Männern zu erläutern, dass sie damit die Integrität der Frauen im Allgemeinen verletzten, wurden mild belächelt - wenn ich so darüber nachdenke, war das eher so ein blödes Lächeln wie: macht doch Spaß, die Integrität von Frauen zu verletzen bahaha! Jedenfalls wollten sie mir tatsächlich weismachen, die Mädchen hätten viel Spaß, machten gutes Geld und nein, sie im Hinterzimmer für ein paar Dollars zu betatschen wäre einfach nur ganz viel fun. Stripclubtänzerinnen sind aber eigentlich ziemlich arm dran. Mehr Informationen hier

Deshalb habe ich die langen schwedischen Winterabende eifrig genutzt, um im Schein meiner Funzel ein bisschen gegen das Elend zu sticken...


... und wenn ich das nächste Mal in eine Stadt komme, lass ich das vor einem Strip Club hängen:



Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob ich mir tatsächlich einbilde, dass das einen einzigen Mann davon abhalten würde, den Strip Club zu betreten. Nein, bilde ich mir nicht ein! Aber es ist wie mit den Werbeplakaten für Kosmetik oder modischere Kleidung - die Menge macht's. Und deshalb schließe ich mich den Frauen an, die den Anfang schon längst gemacht haben und in der Hoffnung, es kommen mehr dazu.

Vor einem Jahr habe ich übrigens auch ein bisschen yarn bombing in Seattle versucht - leider ohne feministische Botschaft und auch nicht in einem öffentlichen Raum - sozusagen zur Übung... na ja, eigentlich war es ein Weihnachtsgeschenk.



Gibt es eigentlich auch "Landscape Knitting"? Ich hätte gute Lust, einen dieser riesigen småländischen Felsbrocken einzustricken. Da ist viel Platz für all die Botschaften, die mir einfallen! Wollspenden werden übrigens dankbar entgegengenommen!

Bis bald...
und alles Liebe aus dem Lande Mitternacht
(wie man Schweden früher nannte...)






1 Kommentar:

Suda5 hat gesagt…

Tolle Projekte findest und machst du!

Susanne aus Kanada