Sonntag, 10. Februar 2013

Lopez Island und der unvollendete Schal...



Beim Stricken denke ich hin und wieder an eine Geschichte, die ich vor vielen Jahren in einem Buch las. Es hieß "Ich ging den Weg des Derwischs". Ein Sufi erzählte dem Ich-Erzähler und Autor des Buchs eine kleine Geschichte, die von einer Frau handelte, die symbolisch für alle Frauen steht. Sie geht immer mit einem großen durcheinander geratenen Wollstrang herum, der ihr von den Armgelenken hängt und den sie unentwegt zu entwirren versucht. Wenn ich mich recht erinnere, konnte und/oder durfte/wollte sie nicht damit aufhören, obwohl sie es langsam müde war. Erst dann, sagte der Sufi in der Geschichte, wenn dieser verworrene Wollstrang ordentlich zu einem Knäuel aufgewickelt sei, seien alle Frauen frei und wenn die Frauen frei seien, wären auch endlich die Männer frei. Versteht es sich von selbst, dass diese Frau - stellvertretend für alle Frauen - die ganze Arbeit auf sich nimmt, um sich und die Männer vom großen Unverständnis füreinander zu befreien? Eine seltsame Geschichte, oder nicht?

Im Flugzeug nach Seattle fing ich an zu stricken. Die Wolle lag schon seit Jahren im Schrank. Jedes Mal legte ich sie wieder zurück, obwohl sie sehr schön ist - aber kratzig, ausserdem sehr dünn. Weit kam ich nicht. Der Himmel während des Flugs war fast wolkenlos, ich lauerte wie immer auf Grönland von oben in all seiner Schönheit und zum ersten Mal hatte ich einen netten Sitznachbarn, mit dem es sich prima über Ölsandfelder in Kanada plaudern ließ. Das Strickzeug verschwand also schnell wieder im Rucksack und wurde erst wieder hervorgekramt als es ein paar Tage später nach Lopez Island ging.

Grönland






























Eigentlich weiss ich erstaunlich wenig über Lopez Island, gerade so wenig, wie man bei Wikipedia darüber lesen kann. Aber es sieht aus, als hätte man ein Stückchen Småland herausgeschnitten, auf einen Felsen gesetzt und in den Pazifik gelegt. In einem kleinen Laden, in dem lokale Kunst und Kunsthandwerk in Lopez verkauft wird, traf ich Stina, deren Vorfahren einst den weiten Weg aus Småland gekommen waren - es hat sich gelohnt, würde ich mal sagen. Sie konnte sogar ein paar Brocken Schwedisch und hatte Småland auf der Suche nach ihren Wurzeln bereist, was mich beeindruckt hat. Was ich sagen will: es ist ein bisschen wie zu Hause und noch schöner. Lopez Island ist die drittgrößte der San Juan Inseln, hat um die 2.176 Einwohner und liegt im Bundesstaat Washington.

Lopez Village
Wider Erwarten war das Wetter sommerlich und wir saßen viele Stunden auf der Terrasse - redend oder schweigend und sahen auf den Pazifik hinaus, hörten den Seelöwen zu, die Kilometer entfernt ihre Geräusche von sich gaben, die wir lachend nachahmten. Heisser Tip: die Eggs Benedict im Love Dog Café - die besten der ganzen Welt! 


Am nächsten Tag ein traditioneller Spaziergang zum Iceberg Point, der sich mit den Fotos besser "beschreiben" lässt:





Abends wieder Gespräche - oder auch nicht - Konzentration auf die Gespräche - Fehler beim Zählen des Schalmusters. Löcher an der falschen Stelle, mühsame Versuche, die Fehler wieder zu beheben. Zwischendurch essen! Spätzle mit Gulasch, Salat, Brombeerkuchen.


Schließlich konnte ich das Muster des Schals auswendig, was nicht vor Fehlern bewahrte.



























Es ist so eine Sache mit diesem Schal und dem Wollstrang, der er einmal war - ein dicker Wollstrang aus sehr feiner, dünner Wolle, die sich schwer aufwickeln lässt, weil sie leicht überdreht ist und gern Schlaufen bildet. Es dauerte auch lange, weil es so viele Meter waren. Ein bisschen wie der Wollstrang in dem Buch, das mir nie aus dem Kopf geht.
Man schafft es eigentlich nur, wenn man wahnsinnig scharf auf das fertige Wollknäuel ist, weil man unbedingt endlich losstricken will. Die Versuchung, sich einen neuen Wollstrang zu kaufen, in der Hoffnung, dass er sich leichter aufwickeln lässt, ist groß, aber vermutlich falsch, denn mit ziemlicher Sicherheit wiederholt sich die Geschichte. Oder man sucht sich eine ganze dicke Wolle mit kurzer Lauflänge aus... das macht weniger Arbeit, aber das Strickvergnügen wird nur von kurzer Dauer sein.

Wie auch immer... der Ausflug nach Lopez Island endete tragisch und ich verließ die Inseln alleine und unter Schock. Den angefangenen Schal behalte ich als Erinnerung wie er ist. Den zweiten Strang habe ich in Seattle gelassen und ich wünsche mir, dass eine Frau ihn aufwickelt, deren Mann ihn für sie dabei hält, um es ihr leichter zu machen.






Keine Kommentare: