Sonntag, 26. Mai 2013

Regentag - vom Spinnen, Lesen und von Grusligem






























Regen im Mai ist toll! Es gibt zwei Bücher - beide von Redmond O' Hanlon -, die sich perfekt für solche Tage eignen. Mit denen legt man sich dann gemütlich aufs Sofa und macht das Fenster einen Spalt auf, damit man ja den Regen hören kann, wie er auf die frisch geschlüpften Blätter klatscht. Ganz ehrlich: man wünscht sich, dass es endlos weiterregnet - jedenfalls bis zum Ende der Bücher! Das sind  Into the Heart of Borneo (Ins Innere von Borneo, dtv, 1996) und In Trouble Again: A journey between the Orinoco and the Amazon (Redmonds Dschungelbuch, dtv, 2001).

Aber auch zum Spinnen eignet sich ein Regentag - zum Spinnen und Lesen! Spinnen und Lesen passen sehr gut zusammen und auf diese Art habe ich vor vielen Jahren in zehn Minuten das Spinnen ganz einfach gelernt. Man setzt sich ans Spinnrad - ohne Wolle zu spinnen - und tritt das Pedal während man liest. Beim Lesen eines guten Buches fließt der Rhythmus der Sprache ins Bein, das dann ganz von allein seine Arbeit verrichtet. Das ist wirklich war. Klappt es nicht, taugt das Buch nicht wirklich was! Wenn man nicht mehr aus dem Takt kommt, was in der Regel nach fünf Minuten der Fall ist, legt man das Buch auf den Schoß und nimmt die Hände, um das Garn der sich gleichmäßig drehenden Spindel zuzuführen und liest zwischen den Armen bzw. Händen durch weiter.

Mein Vater, der 1920 in Oberschlesien geboren wurde, kam als junger Mann noch in den Genuss der Winterabendtreffen, bei denen mehrere Generationen zusammensaßen. Als Mann hat er nicht gesponnen, sondern sollte Federn schleißen, aber die älteren Frauen spannen und übertrafen sich darin, die Jüngeren mit Gruselgeschichten zu unterhalten und ihnen ordentlich Gänsehäute zu entlocken.

Hier ist übrigens mein Spinnrad - oder eines meiner Spinnräder. Es ist ein bisschen so etwas wie der Mercedes unter den Spinnrädern! Dieses Modell findet man in Schweden recht häufig - zumindest in Småland bei jedem größeren Trödelladen und es kostet in funktionsfähigem Zustand um die 500 Kronen (also ca. 55 Euro). Leider ist meistens nur noch eine Spindel vorhanden, aber man kann sich bei einem Tischler welche nachmachen lassen. Das Spinnen geht leicht von der Hand, weil es ein großes Rad hat.
Wie man auf der Unterseite lesen kann, wurde es am 4. April 1889 von J.W. Hultman hergestellt und der Preis steht auch noch drauf.






























Diese Leicester Wolle habe ich darauf gesponnen und vielleicht kann man auf dem Foto erkennen, wie gleichmäßig und luftig das Garn geworden ist.









Heute wäre jedenfalls ein super guter Tag für eine gemütliche abendliche Spinnrunde und um ein bisschen ein nostalgisches Gruselfeeling wie in älteren Zeiten aufkommen zu lassen, habe ich in den Schlesischen Provinzialblättern (1790) gestöbert. (Es gab damals noch keine Rechtschreibregelung, also nebenbei kann man an den Artikeln erkennen, dass es eigentlich auch ganz gut ohne geht.)


"In Schmiedeberg wünschte sich ein Mann seiner Frau los zu werden, um eine andre heyraten zu können, er that deswegen Mäusegift in ihre Suppe. Als die Frau eben suppen wollte, kam ein altes armes Weib zu ihr, der sie die Suppe gab, ohne etwas Arges nur zu ahnden. Diese will die Ihrigen an dieser Wohlthat Theil nehmen lasen, und verlängert die Suppe so, daß ihr Mann und die vier Kinder genug daran haben sollen. Kaum haben sie indessen die Suppe genossen, als sie schon die Wirkung des Giftes fühlen. Doch ists für niemanden tödtlich gewesen, obgleich das eine Kind noch nicht außer Gefahr ist."

"Den 16. Aug. spielte des Brandtweinbrenners Eschenhorns zu Carolath Söhnchen von 3 1/2 Jahren mit anderen Kindern im Hofe. Ein älterer Knabe machte aus Bilsenkraut zehn Schoten aus und gab sie dem Kinde. Mittags um 12 Uhr klagte es über Schläfrigkeit, man brachte es zu Bette und es schlief bis 2 Uhr Nachmittags. Beym Erwachen weinte es; man wollte es aus dem Bette nehmen und aufstellen, aber alle seine Glieder waren gelähmt. Gleich darauf fiel es in eine völlige Raserey, biß uns sich, und sogar seinen Vater, der es aus dem Bette nehmen wollte, mit aller Gewalt ins Backe. Dieser Anfall dauerte bis den anderen Morgen um 2 Uhr. Auf ein Brechmittel, welches ihm der Hof-Chirurgus Hirtmann verordnete, brach es zwei Eßlöffel unreifen Bilsensamen aus, fiel in Schlaf, wachte früh um 9 Uhr bey völligem Verstande auf und wurde vollkommen wieder hergestellt."

"Den 2. Julius zündete der Blitz das Gesindehaus zu Hammer bey Steinau an, es brannte aber bey dem starken Regen nur zum Theil ab. Der Wetterstrahl traf auch den dasigen Vogt, so daß ihm die Kleider brannten. Man warf ihn in die Mistpfütze und erhielt ihn dadurch am Leben; er ist aber so sehr beschädiget, daß man an seinem Aufkommen zweifelt."

"Im Juni wurde in Gabitz, einem an Breslau stoßenden Dorfe, eine Weibsperson dem Anschein nach von Blitz getötet. Auf den Rath vernünftiger Personen zog man sie bis auf das Hemde aus und grub sie bis an den Hals in die Erde. Dieses Mittel bewürkte die Rückkehr ihres Lebens  binnen einer Stunde."

"Am 25. März fand sich in dem Stockhause zu Breslau eine Weibsperson ein, und klagte sich selbst an, daß sie mit einem blutigen Meßer, das sie in der Hand hielt, auf dem Dohme ein 3jähriges Kind umgebracht habe. Bey näherer Untersuchung fand sich die Unwahrheit dieser Anzeige; und daß die Unglückliche, entblößt von allem und ohne alle Aussicht, wie sie ihr Leben fristen sollte, in der Verzweiflung diesen Schritt für den einzigen, ihrem Hunger zu wehren, gehalten und ergriffen hatte."

"Nach einem schriftlichen Zeugniß des Pfarrers und der Gerichte zu Wysocka im Groß-Strehlitzer Kreise, gebahr in dem dahin eingepfarrten Dorfe Kadlubetz, die Schmiedin Mariana Wezdackin geb. Zuchalin aus Schiedletz am 14. Februar 1781 eine Tochter, die nur 24 Stunden lebte, und 53 Tage darauf, den 8. April eine zweyte Tochter, die noch heut am Leben ist. Dieselbe Frau wurde den 4. August 1786 von einer Tochter entbunden, die nach 8 Tagen starb, und in 57 Tagen darauf, den 30. Septbr. sehr leicht und glücklich von einer zweyten, die noch lebet."

"Am 6. November Nachmittags gehen zwey Mädchen, etwa von 16 Jahren, von Dobergast im Strehlschen nach Stake. Ihnen begegnet der Schumacher Michael Schulze, gewöhnlich Schuster Michel genannt, von Göllche, ein Mensch von etwa 30 Jahren und seiner Aussage nach der Bastard eines Kosaken aus dem 7jährigen Kriege. Er zieht das eine Mädchen gewaltsam von der Straße auf die Saat, schleppet sie - das andere nichts Gutes ahnend, lief nach Dobergast zurück -, auf den Acker entblößt sie, schneidet ihre Schaam mit seinem Taschenmesser vor- und rückwärts auf, bis er mit Hand und Arm hinein kam, zerschneidet ihr den Mastdarm, und verletzt den Blasenhals, so daß die Unglückliche nach 30 Stunden ihren Geist aufgeben mußte. Der Mörder ist gefänglich eingezogen. Noch weiß man nicht was er im summarischen Verhöre als Motiv dieser abscheulichen That angegeben, ob er seine viehische Brunst kühlen, oder das Herz des Mädchens herausreißen und eßen wollte, um sich nach dem herrschenden Aberglauben unsichtbar zu machen."

"Den 17. November nimmt in Conradswaldau ein Knecht das geladene Gewehr, welches der Förster beym Bräuer abgelegt hatte, spricht zu einer Magd: Sieh ich kann damit umgehen; ich werde dich erschießen. Das Gewehr geht los, zum Glück weichet die Magd aus, der Schuß dringet durch die Türe, und zersplittert einige Finger des Braugehülfen, der nicht ahndete."

"Der Amtmann von P. ritt von Guhrau schon bey dunklem Abend nach Hause und stürzte dergestalt, daß er das Bein brach. Ihm blieb im Walde, aber nahe zwischen Dörfern, nichts übrig, als aus allen Kräften nach Hülfe zu schreien. Allein die einfältigen Leute, die ihn hörten, glaubten, es sey der Nachtjäger, und erst mit Tagesanbruch kam jemand, ihm beyzustehen."


"Der Tanzmeister Micada aus Breslau stürzte zu Nicolai in dem Hause des Hrn. v. Kultisch an einem Abend die Treppe herunter u. starb den Vormittag darauf. Bey der Oefnung fand man die Lunge, Leber und alle innern Theile zu Staube verbrannt. Wahrscheinlich die Folgen übermäßiger Erhitzung u. jählingen Trunkes."

"Dem Lehrjungen bey einem Schmiede zu Glatz, dem Sohne einer armen Witwe, sprang beym schmieden ein Stück glühendes Eisen in den Stiefel. Außer aller Fassung sprang er in der Werkstatt umher, ohne Hülfe zu suchen. Das Eisen verbrannte seine Flächsen, so daß ihn der Hundskrampf befiel und er, da man den Mund nicht zum öffnen bringen konnte, er nach 14tägigem Leiden gleichsam erhungern mußte."


"Den 11. August erhieng sich des Eheweib des Hirten zu Pellentschine im Trebnitzschen. Sie schweifte in ihrer Jugend in der Liebe aus. In ihrem späten Alter zog sie sich dies so sehr zu Gemüth, daß sie im Jahr 1780 auf vier Wochen in tiefe Melancholie verfiel. Diese Zeit über erzählte sie, daß, wie sie einstmals als ein Mädchen von 15 Jahren das Vieh gehütet habe, der Teufel in der Gestalt eines Männchens sich zu ihr gesellet, sie zur Hurerei verführet und sie sogar verleitet habe, sich ihm zu verschreiben, Gott könne sie also nicht zu Gnaden aufnehmen. Drey Jahre nachher kehrte dies Übel ebenfalls auf vier Wochen zurück. Damals gieng sie zu den benachbarten Predigern, um Ruhe für ihr geängstigtes Gewissen zu suchen; allein weder diese noch die Belehrung ihres Grundherrn, des Herrn von Dobschütz, konnten sie von ihrem Irrtum zurück bringen. Vor drey Wochen wurden sie, wieder nach drey Jahren, zum drittenmal ein Raub der Schwermut. "Es wird bald aus mit mir seyn", sagte die Unglückliche, denn der Teufel wird mich holen; umbringen will ich mich nicht, um mich nicht noch mehr gegen Gott zu versündigen. Der Teufel wird mir schon eine Todesart zubereiten usw." Am 11. August gieng sie gegen Abends fort. Anfangs glaubte man, sie suche bey den benachbarten Geistlichen Ruhe und Trost; da sie aber in 8 Tagen nicht zurückkehrte, forschten die Ihrigen nach ihr, wiewohl vergebens. Erst am 19. August stieß ein Weib, das im Buchenwalde bey Pollentschine Pilze suchte, von ohngefähr an die Gehängte. Der Hr. v. Dobschütz befahl sogleich, sie abzuschneiden, aber niemand wollte angreifen, aus der thörichten Furcht, der Teufel würde dem, der dieses Werk der Menschenliebe vollzöge, den Hals umdrehen, oder wenigstens es ihm anthun, daß er sich auch erhängen müßte. Endlich entschloß sich ihr eigener Mann dazu. Noch spuckt die Gehängte in den Köpfen der Einwohner des Dorfes. Keiner trauet sich spät auszugehen, oder spät nach Hause zu kommen."

An eine sehr ähnliche Geschichte hat sich mein Vater noch von den Spinnabenden erinnert. Mir ist sie übrigens auch nie aus dem Kopf gegangen und ich fand sie als Jugendliche entsetzlich erschreckend.
In seiner Version hütete ein gleichaltriges Mädchen das Vieh auf einer Lichtung im Wald und begab sich bei anbrechender Dunkelheit auf den Nachhauseweg, wo sie an einer Wegkreuzung von einem "schwarzen Mann" aufgehalten wurde, der sich ihr als Teufel vorstellte und sie vergewaltigte. Das Mädchen erhängte sich hier schon am dritten Tag danach.
Nach langem Nachdenken bin ich irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei diesem Teufel um einen Köhler gehandelt haben konnte, der einen der vielen Meiler im Wald betreute. Köhler hatten kein leichtes Leben. Sie wurden im Allgemeinen gering geschätzt, mussten ständig den Meiler auf der richtigen Temperatur halten, litten häufig unter Angstzuständen, Depressionen und Schlafmangel, haben sich sicherlich sehr oft verbrannt und mussten Unmengen von Kohlenmonoxid einatmen. Es war bekannt, dass sie unter psychischen Auffälligkeiten litten. Ihr Leben war einsam und gefährlich. Das soll nicht heißen, dass Köhler per se straffällig wurden, aber man könnte doch einräumen, dass man unter diesen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf saudumme Ideen kommt und sie in einem Anfall von ich weiß nicht was auch umsetzt - und schwarz vom Ruß waren sie vermutlich auch ziemlich häufig.

Jetzt habe ich so lange hier gesessen, dass der schöne Regensonntag fast vorbei ist und alle mitteleuropäischen Spinnräder stillstehen. Aber das nächste verregnete Wochenende kommt bestimmt!

Und wer vom Spinnen Hunger auf Kuchen bekommt:

Drei Eier trennen, das Eiweiß steifschlagen.
150 g weiche Butter mit 1,5 dl Zucker schaumig schlagen
die Eigelbe dazurühren
1,5 dl Mehl, 1,5 dl getrocknete Moosbeeren und 1,5 dl ganze Haselnüsse unterrühren
sowie Schale und Saft einer unbehandelten Orange
Vorsichtig den Eischnee unterheben und die Masse in eine gebutterte Kuchenform geben
Bei 175° C 40-45 Minuten im Backofen backen.
































Einen guten Start in die neue - hoffentlich sonnige - Woche!
XOX

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