Freitag, 13. September 2013

Kein deutsches Wort für Pullover...



Das etymologische Wörterbuch sagt, dass die Herkunft des Wortes Pullover nicht geklärt sei, jedoch ein "Überzieher" damit gemeint wäre. Zum Wort "Überzieher" schweigt es sich aus. Sackgasse!

Das älteste Bild eines Pullovers ist von Meister Bertram gemalt, aus der Zeit zwischen 1400 und 1410 und leider hat er dem Bild keinen Namen gegeben wie etwa: "Die Muttergottes beim Stricken eines ..."

Es scheint, als würde Jesus Mutter gerade die Halskante eines Pullovers mit Strumpfstricknadeln aufnehmen. Meister Bertram hat aber sicher doch so etwas ähnliches gedacht wie: "Die Muttergottes könnte doch auf meinem Bild ein ... stricken!" Ja, nur was? Irgendwo bei einer Beschreibung steht, dass die Madonna ein "Kittelchen" stricken würde. Wenn ich mich noch recht erinnere, kann man z.B. im Schwäbischen durchaus auch das Wort Kittel für einen Pulli benutzen. Oder ist Kittel nur eine Strickjacke?
Das etymologische Wörterbuch sagt: Kittel sei ein Wort aus dem 13 Jh und mittelhochdeutsch und die ursprüngliche Bezeichnung für ein hemdartiges Gewand (mittelniederdeutsch kedele, mittelniederländisch kedel. Die frühneuhochdeutsche Form kütel beruht auf Anlehnung an Kutte. Herkunft unklar.
Sieht man jetzt bei "Kutte" nach, steht da:
Kutte (seit dem 13 Jh.), entlehnt aus dem Wort cotta; altniederfränkisch kotta = grobes Wollzeug, siehe unter Kotze (übrigens mit einem langen O). Unter Kotze versteht man einen wollenen Umhang oder Mantel.... hm! Und was jetzt? Grobes Wollzeug klingt aber doch eigentlich gar nicht so schlecht.

Vielleicht gab es ja im 14. Jh. Pullover und ein einigermaßen deutsches Wort dafür, aber dann wurde - wie es ja gelegentlich passiert - das Stricken total out und zwar nicht nur für ein paar Jahrzehnte, sondern länger, und das Wort war - schwups - einfach vergessen, während auf den Shetlandinseln munter weitergestrickt wurde. Der Gunnister-Mann, dessen Moorleiche im 19. Jh. gefunden wurde, und dessen Lebzeit auf 1690/1710 datiert werden konnte, war vielleicht mit einer wollsüchtigen Frau verheiratet oder hatte eine ewig strickende Mutter oder Schwester. Vielleicht war er selber wollsüchtig... Er trug ein Paar beinlange gestrickte Strümpfe, gestrickte Handschuhe, deren Stulpen mit Mustern verziert waren, der Handrücken war mit Pfeilmustern verziert, er hatte zwei Wollmützen bei sich (eine auf dem Kopf, in die andere hatte er seinen Löffel eingewickelt). Sein Geldbeutel war mit rot-weiß-grauen Strickmustern verziert. In seinem Besitz befand sich außerdem ein gestricktes Teil mit konzentrischen rautenförmigen Durchbrüchen, mit dem jetzt kein Mensch mehr etwas anzufangen weiß. Sein Kittel war aber gewebt. Auch bei den ältesten Strickereien, die man gefunden hat und die alle aus dem Mittleren Osten stammen, handelt es sich so gut wie immer um Handschuhe oder andere Kleinteile. 

Laut Wikipedia ging das Wort Pullover jedenfalls erst 1817 in den deutschen Sprachschatz ein - laut etymologischem Wörterbuch erst hundert Jahre später. Davor wurde auch das ebenso aus dem Englischen stammende Wort "Jumper" benutzt. Pullover ist ein ganz und gar nicht geläufiges Wort im englischsprachigen Raum. Ein Pullover ist dort ein Jumper oder ein Sweater. Ich glaube, "Pullover" ist ein bisschen wie "Handy" nur nicht ganz so schlimm.

Lange Zeit dachte ich, dass die ersten Pullover dicke noch im Schaffett gestrickte vor Zopfmuster strotzende Fischerpullover von den Aran oder Shetland Inseln oder von den Kanalinseln Guernsey oder Jersey waren. Guernseyjumper soll es nachweislich immerhin schon seit dem 16 Jh. geben. Ich glaube, es gibt sie schon länger, nur hat sich niemand für die Bekleidung von Fischern interessiert. Es gibt sogar Franzosen, die behaupten, dass Fischerpullover aus der Bretagne kamen und im 18. Jh. Guerney und Jersey eroberten - na ja, ich glaube das nicht so recht.

Im Schwedischen gibt es das Wort "tröja" für Bekleidungsstücke, die den Torso sowie zumindest einen Teil der Arme bedecken. Diesen Begriff gibt es seit 1543, es muss sich dabei aber nicht um Gestricktes handeln. Jedoch kann man sich online aus der Sammlung des Nordiska Museet einen Pullover aus dem 17 Jh. ansehen, der ganz bestimmt nicht einem Fischer gehörte.

Pullover ist übrigens nicht nur das Wort für ein gestricktes Oberteil, das den Torso und die Arme bedeckt, es kann auch gehäkelt oder sonst was sein. Ein "richtig" deutsches Wort für einen gestrickten Wollpullover ist Troyer oder Troier (verwandt mit tröja?) oder Seemannspullover oder Isländer. Die Isländer haben zwar tolle Pullover, die es aber erst seit dem 20. Jh gibt. Das typische Muster (verzierte Raglanpartie) ist den Grönländischen Bekleidungsstücken abgeguckt. Die Grönländer haben das Stricken wiederum von den Dänen gelernt. Der Duden sagt, dass Troyer a) in der Seemannssprache ein wollenes Unterhemd oder Strickjacke eines Matrosen ist oder b) ein grobmaschiger dickerer Rollkragenpullover usw. Das Wort kommt aus dem mittelniederdeutschen troye = Jacke; mittelhochdeutsch treie oder troie (vermutlich nach der französischen Stadt Troyes.
Troyes liegt übrigens weitab vom Meer...

Gestrickte Bekleidungsstücke, die den Torso und die Arme bedecken, schienen einfach lange Zeit nicht der Renner gewesen zu sein. Und eigentlich wundert es mich nicht: gewebte Torso- und Armbedecker ließen sich ganz leicht flicken und wie die Bekleidungsstücke der Moorleichen zeigen, wurden sie auch bis zum Gehtnichtmehr geflickt. Jeder, der sich schon mal in seinen gestrickten Pullover eine Laufmasche oder ein größeres Loch gerissen hat, weiß, was für ein Aufwand es ist, ihn zu reparieren.
Nicht zu vergessen ist, dass das Nadelbinden über Jahrhunderte sehr viel beliebter war als das Stricken - vermutlich, weil die Technik einfach haltbarere Bekleidungsstücke hervorbrachte und es auch keine Laufmaschen gab.

Also kein deutsches Wort für den Pullover.

Vielleicht fragt sich in hundert Jahren jemand, warum es eigentlich kein deutsches Wort für Handy gibt und versucht, im Internet etwas herauszufinden und dann verirrt er sich hierher und findet die Antwort: Mobiltelefon! (haha)

Ich muss jetzt die Tonne Pfifferlinge putzen, die mir heute im Wald begegnet ist...

das sind KEINE Pfifferlinge!
































XOX aus Gillberga

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