Dienstag, 26. November 2013

Charles Dickens und die Strickerin

"Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und ruhigen Augenbrauen und sah nichts."

Haha, dachte ich beim Lesen, das glaubt auch nur er! Das ist auf wenigen Seiten bereits die dritte Bemerkung in "Eine Geschichte aus zwei Städten" von Charles Dickens über die strickende Madame Defarge und sogleich folgt eine weitere:

"Es herrschte eine unnatürliche Stille und Verödung. Nur eine Person war um den Weg - Madame Defarge, die strickend an dem Türpfosten lehnte und nichts sah."

Es fällt doch sehr ins Auge, wenn ein Mann andauernd eine Strickerin erwähnt, die nichts sieht. Und ich mag auch kaum glauben, dass ein so glänzender Schriftsteller wie Charles Dickens tatsächlich glaubt, eine strickende Frau würde nichts sehen bzw. ihre Umwelt ignorieren. Kaum dachte ich das (übrigens strickend) vor mich hin, ging es gleich weiter:

"Madame Defarge rief ihrem Gatten zu, dass sie das Vermisste holen wolle, und hatte sich fortstrickend (tolles Wort!) rasch im Dunkel des Hofes verloren, kam aber bald wieder zurück und langte Schuhe und Werkzeug in den Wagen hinein."


Sieh an, ich wusste gar nicht, dass schon damals die Frauen beim Gehen strickten, ich dachte, das käme erst später. Es gibt da dieses Foto aus dem 20 Jhd., das norwegische Bäuerinnen strickend auf dem steilen Weg zur Kuhweide zeigt.

Eine Geschichte aus zwei Städten (A Tale of Two Cities) spielt während - und diese Abschnitte vor der Französischen Revolution.

Nein, Dickens würde seine LeserInnen nicht grundlos mit etwas Banalem wie einer strickenden Frau langweilen, und ich ahne, dass sich Madame Defarge als eine Tricoteuse entpuppt, wenn die Revolution erst mal so richtig in Gang kommt.

Die Tricoteuses waren politische Aktivistinnen, die die Postionen der Jakobiner und Enragés militant unterstützten und die sich jeweils mit ihrem Strickzeug an den Schauplätzen revolutionären Geschehens zeigten. Außerdem unterstützten sie auf der Tribüne des Nationalkonvents lautstark de Robespierre und sollen dafür 40 Sous am Tag erhalten haben. Toller Job!
Der Scharfrichter von Paris, Charles Henri Sanson, schrieb in seinen Lebenserinnerungen: "… Die Frauen aus diesem Milieu waren die berüchtigten Tricoteuses, die mit ihrem Strickzeug auf den Bänken an der Guillotine saßen und Witze rissen, während sie auf die Verurteilten warteten; bei passender Gelegenheit vergriffen sie sich auch an Passanten, wenn diese nur aristokratisch aussahen."
Die Tricoteuses scheinen sehr hartgesottene Umstürzlerinnen gewesen zu sein - sie bedrohten, wie gern von ihnen erwartet - nicht nur die "alte Ordnung", sondern auch die Geschlechterordnung, die selbst für die Revolutionsbehörde kein Thema war. Diese Revolutionsbehörde schützte die Geschlechterordnung sogar mit dem Verbot politischer Frauenvereinigungen ausdrücklich. (Mieser Verein!)

Wahrscheinlich bin ich eine der Wenigen, die dieses Buch von Charles Dickens noch nicht gelesen haben… ich vermute, er, als Mann seiner Zeit, wird aus Madame Defarge ein eher unsympathisches Weib voller Gemeinheiten machen. Ich muss weiterlesen und sehen, wie es mit dieser Madame Defarge weitergeht...

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