Samstag, 11. Januar 2014

Ein Schal mit Urheberrecht


Gestern bin ich im Internet über die Anleitung für einen Schal - genauer gesagt, ein Dreieckstuch - gestolpert, dessen Machart wohl schon unseren Ahninnen in grauster Vorzeit bekannt gewesen sein dürfte.
Unter der sehr kurzen Anleitung mit Bild steht dann "copyright by... 2013" Ok, selbstverständlich ist zu respektieren, dass man diese Anleitung samt Bild nicht ausdruckt und unters Volk bringt.

Kleingedruckt geht's weiter "Diese Anleitung darf weder ganz noch auszugsweise verbreitet (kopiert) werden."
Das bedeutet wohl, dass es verboten ist, die pdf-Datei auszudrucken und/oder zu kopieren, auch wenn es nur ein Teil davon wäre, den man - aus welchen Gründen auch immer - herausschneiden würde, um ihn zu verbreiten. Immerhin hat die Urheberin ja schließlich mit ihren "eigenen Worten" bzw. mit der ihr eigenen Art Sätze zu bilden, eine Anleitung mit der von ihr persönlich gewählten (aber nicht erfundenen) Schrift geschrieben. Das könnte man in diesem Fall als Schöpfungskraft bezeichnen, muss man aber nicht. Ich würde ein Kilo Sockenwolle verwetten, dass es irgendwo im Internet schon den Teil einer Anleitung in dieser Schrift gibt, die sagt: "3 Maschen anschlagen".

Nicht verboten hingegen kann also sein, dass jemand die Anleitung abtippt, sofern das ein oder andere überflüssige Wort weggelassen wird. Das Foto ist selbstverständlich tabu!

Es kommt noch fetter - ebenfalls im Kleingedruckten steht: "Die Anleitung und die daraus entstehenden Produkte sind nur für den privaten Gebrauch bestimmt."

Es scheint, die Person, die diese Anleitung verfasst hat, lebt in der irrigen Annahme, diesen Schal erfunden zu haben. Hat man Anspruch auf Urheberrechte, wenn man 2014 das Rad neu erfindet?
Wohl kaum! In der Anleitung wird übrigens noch nicht einmal eine ganz bestimmte Wolle in einer bestimmten Farbe empfohlen. Diese Schals wurden und werden in der Form verkauft, wann immer Dreieckstücher modern waren/sind. Das Ullcentrum Öland bietet sie seit mehr als zehn Jahren zum Kauf an - auch die Anleitung (ohne Urheberrechtvermerk). Achtung - man kann sich schnell mal zum Klops machen mit dem "copyright".

Falls irgendein kommerzieller Schalhersteller oder eine Handarbeitszeitung diesen Schal nacharbeiten will oder eine Erklärung veröffentlichen will, wie er herzustellen ist, braucht er oder sie weder Fantasie noch eine künstlerische Ader - und schon gar nicht diese Anleitung im pdf-Format.

Drei Maschen anschlagen und in jeder weiteren Reihe links und rechts am Rand eine Masche zunehmen bis die gewünschte Länge oder Breite erreicht ist.

So einfach ist das mit diesem Schal und ich fürchte, selbst einem gewieften Anwalt würde es schwerfallen, die Urheberrechte der Verfasserin dieser Anleitung zu verteidigen, da die Idee zu dem Schal vermutlich spätestens aus dem frühen Mittelalter stammt und eher als "kulturelles Erbe" zu betrachten ist.

Urheberrechte sind auch für textile Kunst, Kunsthandwerk und für Handarbeiten sehr sinnvoll, denn Kreativität und Umsetzung brauchen ihre Zeit und der Mensch braucht Essen und einiges mehr. Ich finde, es ist moralisch sehr verwerflich und völlig respektlos, die Ideen anderer zu stehlen, um sich daran bereichern. Aber tut man das nicht auch, indem man sich "Allgemeinwissen" oder "Gemeingut" unter den Nagel reißt und "copyright by..." drunterschreibt?


Ein schönes Wochenende!




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